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Oans, zwoa, g’roßmarkt: Folge 02 – So kommt das junge Gemüse auf die Wiesn

Wie sieht ein normaler Wiesn-Tag aus? Viele Münchner würden sagen: Über die Festwiese schlendern, eine Runde Krinoline fahren und ‘ne gute Mass Bier stemmen! Für unseren Gemüsehändler Gessler vom Sendlinger Großmarkt sieht das ganz anders aus: Durch das Lager hetzen, mehrere Runden Lastwagen fahren und kiloweise Rettiche stemmen! Wir von der Standortinitiative haben ihn einen Tag lang von Arbeitsbeginn nachts um drei Uhr bis zum Feierabend begleitet.

3.00 Uhr: Schrilles Weckerklingeln. Während sich tiefe Dunkelheit über München kuschelt wie eine wärmende Decke, wird Gerhard Gessler aus dem Schlaf gerissen. Sein Tag beginnt mitten in der Nacht – und das nicht nur heute. Als Geschäftsführer des Gessler Obst- und Gemüsegroßhandels muss er von Montag bis Samstag und jeden dritten Sonntag zu einer Zeit aufstehen, die die meisten Münchner tagtäglich verschlafen. In eine dicke Fleecejacke gehüllt, macht sich der Familienvater um kurz nach drei auf den Weg in die Arbeit.

3.30 Uhr: Gessler kommt auf dem Großmarkt in Sendling an, seinem Arbeitsplatz und seinem zweiten Zuhause. Es ist kaum zu glauben, dass es noch mitten in der Nacht ist, denn hier herrscht geschäftiges Treiben. PWKs und Gabelstapler wuseln auf dem riesigen Gelände umher und in den historischen Markthallen stapeln sich kistenweise frisches Obst und Gemüse. Auch das Lager des Großhändlers Gessler ist eine kleine Farb- und Duftexplosion. Seit dreißig Jahren liefert das Unternehmen ein vielfältiges Sortiment an Gastronomiebetriebe in Südbayern. Vom traditionellen Wirsing bis hin zur exotischen Kautschukfrucht ist alles dabei.

Mit einer Hand voll Mitarbeitern beginnt Gessler die Aufträge für den heutigen Tag zu sichten. Unter der hohen Lagerdecke sammelt sich kalte Luft, während sie die Ware für die Kunden zusammenstellen. „Manche Kunden legen viel Wert auf Kleinigkeiten und haben spezielle Wünsche. Zum Beispiel wird mal nach extra feinen Mangos gefragt. Diese Aufträge übernehme ich und richte die Ware sehr sorgfältig her“, sagt Gerhard Gessler.

In schnellem Tempo wandern Früchte und Gemüse von einer Ecke des geräumigen Lagers in die andere. „Die Tage sind momentan recht stressig. Durch die Wiesn haben wir deutlich mehr Arbeit zu erledigen“, erklärt Gessler. Da wären zum einen die Abnehmer direkt auf dem Oktoberfest. „Der Stress kommt aber vor allem durch die vielen Hotels, Restaurants und Gastronomiebetriebe, die in der Münchner Innenstadt zur Wiesn komplett ausgebucht sind. Da liefern wir natürlich deutlich mehr als im normalen Betrieb.“ Damit das zusätzliche Arbeitspensum bewältigt werden kann, gibt es in den zwei Festwochen eine Urlaubssperre für alle Mitarbeiter des Großhändlers: „Jeder packt mit an.“

5.00 Uhr: Höchste Zeit für den Wiesn-LKW in Richtung Theresienwiese aufzubrechen. Im Stauraum stapeln sich große Holzkisten voll mit Gemüse, sowohl in unverarbeitetem als auch geputztem Zustand. Ein ausgewähltes Sortiment an Rettichen, Radieschen, Wirsing, Schnittlauch und Salaten wandert in den frühen Morgenstunden an die Wiesn-Wirte. „Der absolute Verkaufsschlager ist geschälter Radi“, sagt Gessler. Am Tag kauft ein Zelt davon eine immense Summe: 300 bis 400 Stück. Daraus werden zum Beispiel Beilagen für die beliebten Brotzeitbretter gemacht, auf denen allerlei bayerische Kaltspeisen angerichtet werden.

Ein Kunde nach dem anderen wird angefahren, die frische Ware ist nun offiziell Wiesn-Kost. Seit über fünfzehn Jahren ist Gessler inzwischen als Lieferant hinter den Kulissen des weltbekannten Volksfestspektakels dabei. Von großen Zelten wie dem Schottenhamel-, Augustiner- oder Schützen-Festzelt über Speisezelte wie Bodo’s Cafézelt oder die Heimer Enten- und Hendlbraterei, bis hin zu kleinen Fischbratereien und Essensbuden auf der Festwiese – in vielen Ecken des Oktoberfests steckt ein Teil von Gessler. So können die hungrigen Besucher seine frischen Produkte etwa als Salat, Wirsingbeilage oder Pfifferling-Rahmsoße genießen.

20170913_Grossmarkt_Gessler-8.JPGGerhard Gessler, Geschäftsführer des Gessler Obst- und Gemüsegroßhandels

8:00 Uhr: Jetzt müssen auch die restlichen LKWs ihre Routen einschlagen, um Restaurants und Hotels zu versorgen. Das Lager ist inzwischen deutlich leerer und die Hektik lässt ein wenig nach. Nachdem die letzte Produktpalette auf dem richtigen Weg zu ihrem Kunden ist, wechselt Gessler vom kühlen Lager in sein Büro in Halle 5 des Großmarkts. Nachdem er inzwischen fünf Stunden auf den Beinen ist, genehmigt er sich endlich ein kleines Frühstück und einen wärmenden Kaffee.

9:00 Uhr: Für den Wiesn-LKW heißt es um Punkt neun Uhr: Runter von der Festwiese. Damit die rund fünf bis sechs Millionen jährlichen Besucher das Oktoberfest entspannt genießen können, gibt es strenge Sicherheitsauflagen. Die betreffen natürlich auch die Lieferanten, die jeden Morgen mit ihren Lastwägen immense Summen an Konsumgütern auf die Wiesn karren. Deshalb gibt es klar definierte Zeitfenster – und nur in denen darf geliefert werden.

Während sich also der LKW von Gesslers Großhandel auf den Rückweg macht, ist der Geschäftsführer mit seinem E-Mail-Postfach beschäftigt. Täglich warten rund 80 Mails darauf beantwortet zu werden. „Davon sind rund ein Drittel wichtige Bestellungen, bei denen ich sofort ein gutes Angebot machen muss.“

Immer wieder klingelt zwischendurch das Telefon. Einmal möchte ein Endverbraucher wissen, woher genau die Produkte kommen, die er bestellen will. „Bei den regionalen Bauern hier im Münchner Umland in Ismaning, Aschheim oder Feldmoching ist diese Auskunft problemlos auf die Schnelle möglich“, sagt Gessler. Da alle Einkäufe täglich registriert werden, lassen sich die Transportwege unkompliziert zurückverfolgen. Neben Regionalität und kurzen Wegstrecken legt der Obst- und Gemüsehändler auch besonderen Wert auf erstklassige Qualität. Gentechnik wird generell abgelehnt, dafür ist das Unternehmen stolz auf sein Bio-Zertifikat.

10:00 Uhr: Prosit! Die Wiesn öffnet ihre Bierzelte, Fahrgeschäfte und Buden. Die ersten Besucher trudeln ein. Auch Gerhard Gessler setzt sich schon bald darauf am späten Vormittag in sein Auto. Doch nicht etwa, um nach gut sieben Stunden Arbeit über das Oktoberfest zu schlendern. Nein, für ihn geht es direkt weiter nach Zorneding, in die hauseigene Produktion. Dort werden knapp 400 küchenfertige Kreationen produziert, die ganz nach den Wünschen der Kunden geputzt, geschnitten und fertig zusammengestellt werden. Favoriten sind dabei die asiatischen Gemüsemischungen. „Die werden mit sehr viel Liebe und Arrangement gemacht“, erläutert Gessler, der die Asia-Mischungen im Sortiment der Convenience-Produkte am liebsten mag. „An zweiter Stelle sind dann unsere Salate sehr gefragt, gefolgt von den Salatschüsseln und Obstbechern.“ Bis in den Nachmittag hinein kümmert sich der Geschäftsführer um die Produktion der Fertigware.

Hin und wieder erreicht ihn währenddessen eine dringende Eilbestellung. Um dem Kunde möglichst zügig das gewünschte Obst und Gemüse zu liefern, ruft er im Großmarkt-Büro an und schickt einen Mitarbeiter auf den Weg. Damit die spontanen Bestellungen, von denen täglich um die fünf Stück eintreffen, reibungslos bearbeitet werden können, ist das Personal passend eingeteilt: Die ersten LKWs, die früh morgens das Lager verlassen, kehren auch als erste wieder zurück und sind schließlich zuständig für die Nachlieferungen. „Nach eineinhalb bis zwei Stunden ist die Ware dann beim Kunden“, verspricht der Experte.

16:00 Uhr: Der Arbeitstag endet für Gerhard Gessler jeden Tag ein wenig anders. Mal verlässt er um drei Uhr nachmittags die Produktion, manchmal erst zwei Stunden später. Je nachdem, wie die Obst- und Gemüsenachfrage aussieht und welche Herausforderungen anstehen. Gessler: „Die zwölf Stunden kann ich ganz gut powern. Wenn es länger geht, lässt meine Kraft allerdings nach.“ Und wie sieht es bei seinen Mitarbeitern aus? Auch viele von ihnen haben einen streng strukturierten Tagesablauf. „Zwar sind sie anders aufgestellt als ich, aber viele arbeiten ähnlich lange mit mir mit.“ Am Nachmittag heißt es dann endlich: Feierabend.

23:00 Uhr: Auch die Wiesn verabschiedet sich nun von ihren Gästen. Es wurde ausgiebig gefeiert, gut getrunken und gegessen. Der ein oder andere Besucher hat das Gemüse von Gesslers Großhandel verspeist, vielleicht als Pilzsuppe oder gemischten Salat. Viele von ihnen werden erst dann in ihre Betten fallen, wenn bei Gessler und seinen Mitarbeitern schon wieder der Wecker klingelt. Schon in viereinhalb Stunden werden sie erneut im kühlen Lager stehen. Ihr Ziel: das nächste Wiesn-Essen auf den Weg bringen.

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